Wie sagt man so schön 1. kommt es anders 2. als man denkt. Es hat jetzteinige Tage gedauert bis ich mich wieder erholt habe, bzw. bis ich michwieder motivieren konnte. Eine kurze negative Info habt ihr ja bereitsbekommen. Hier nun die Details der letzten Tage.

11.05.08 – BC 5364m
Hier nun die Details der letzten Tage. Pünktlich um 5 Uhr bin ich heute aufgewacht. Die Temperatur im Zelt als auch ausserhalb war sehr angenehm. Ich war schnell angezogen und dann im Esszelt bei einer Tasse Tee und einem Stück Hüttenbrot. Pünktlich um 6 Uhr bin ich dann vom Basislager losmarschiert. Meine Schweizer Kollegen sind schon eine ¼ Std. vor mir aufgebrochen. Der Aufstieg im Eisbruch ist inzwischen schon fast Routine. Die mässigen Temperaturen haben es sogar zugelassen, einige schöne Filmaufnahmen im Aufstieg zu machen. Trotz meines 15 kg Rucksackes kann ich viele Bergsteiger im Eisbruch überholen und komme sehr gut voran. Es sind wieder zahlreiche Alpinisten unterwegs, die nicht einmal ihren eigenen Rucksack tragen und Träger mit heillosen Lasten. Genau mit den ersten Sonnenstrahlen erreiche ich die obere Kannte des Eisbruches und steige über die letzten Leitern in den flachen Bereich des Gletschers aus. Nach 3 Std. erreiche ich in nun schon bei brühender Hitze Lager I. Ich mache da eine ziemlich lange Pause mit trinken, essen und filmen. Dann beginnt es zum Glück zuzuziehen. Nebel und leichter Schneefall schwächen die Sonne und Hitze ab und ich mache mich auf den Weiterweg ins Lager II. Um 14 Uhr erreiche ich mein Zelt. Kurz vorher habe ich noch von einem Träger der Inder eine Tasse heissen Sirup bekommen. Ich leere meinen Rucksack und beginne im Zelt Ordnung zu machen. Leichte Schmerzen im rechten Ohr und ein wenig Kopfschmerzen schreibe ich der Hitze und Anstrengung zu und ignoriere die Sache. Nach einem kurzen Telefonat mit Anita haue ich mich auf die Matratze und mache ein Schläfchen. Als ich im heissen Zelt erwache, weiss ich nicht wirklich, ob ich nun Ohrenweh, Zahnweh, eine Entzündung im Hals oder am Auge habe. Die ganze rechte Gesichtshälfte pocht im Rhythmus des etwas erhöhten Herzschlages. Nach kurzem Überlegen beschliesse ich voller Enttäuschung wieder ins BC abzusteigen. Eine Entzündung bessert sich auf 6500m nicht mehr und das Risiko einer Nacht ohne Partnertcheck in dieser Höhe ist mir zu gross – eventuell bin ich ja auch nur zu feige. Auf jeden Fall der Beschluss ist gefasst. Ich packe meine Sachen zusammen und machen noch einen kurzen Anruf bei Anita. Ich gebe ihr Bescheid, dass ich mich auf den Weg nach unten mache und mich in ca. 4 Std. noch einmal aus dem BC melden werde, damit sie weiss, dass alles OK ist. In der Zwischenzeit ist es schon fast 16 Uhr und es hat stärker zu schneien begonnen. Auch die Sicht hat sich wesentlich verschlechtert. Am Anfang kommen mir immer noch Leute, die im Aufstieg sind, entgegen, doch schon bald bin ich allein unterwegs. Bis Lager I komme ich trotz starker Schmerzen im Gesicht sehr schnell voran. Auch das auf und ab im Eis zwischen Lager I und dem Abbruch des Khumbu Gletschers geht sehr schnell. Aus Faulheit, Bequemlichkeit oder was auch immer habe ich meine Steigeisen im Lager II im Rucksack verpackt und sie da auch im steileren Teil des Eises gelassen. Flott geht es über die ersten Leitern nach unten. Das Fixseil, das komplett durch den Eisbruch verlegt ist, liegt am Boden vor mir im Schnee und zeigt mir wie eine Richtlinie den Weg durch die losen Eisbrocken. Eigentlich ist es dafür da, dass man eine Sicherung einhängt und so sicher über zahlreiche Spalten und Seraks auf- und absteigen kann. Normalerweise nehme ich es an schwierigen Stellen in die Hand und lasse es durchlaufen. Doch heute steige ich im leichten Schneetreiben, im Gedanken versunken, mit Schmerzen einfach so schnell wie möglich ohne Seil ab. Wie aus dem Nichts bewegt sich das Eis unter mir in Zeitlupe. Eine dünne Schneeschicht hat das blaue Eis unter meinen Sohlen bedekt. Durch die Bewegung des Eisblockes verliere ich das Gleichgewicht und falle kopfüber in ein Loch. Zuerst komme ich auf der linken Schulter auf und dann dreht es mich noch einmal und dabei verdreht sich mein rechtes Knie. Alles ging ganz schnell und ich liege ca. 5 m tiefer in einer Spalte. Das Knie schmerzt jetzt stärker als mein Kopf. Ich schmeisse mir 2 Schmerztabletten ein und versuche, das Loch auf allen 4en zu verlassen, was mir auch ziemlich schnell gelingt. Als ich wieder draussen bin, muss ich feststellen, dass ich meine Stirnlampe verloren habe. In der Zwischenzeit beginnt es zu dämmern. Ich humple nun so schnell wie möglich Höhenmeter um Höhenmeter nach unten. Genau mit der Dunkelheit erreiche ich mein Zelt im BC. Ich verkrieche mich nur noch im Schlafsack, mache ein kurzes Telefonat mit der schlechten Nachricht und habe für heute mit dieser Expedition abgeschlossen. Alles tut weh ich, nehme noch eine Schmerztablette und schlafe ein.

12.05.08 – BC 5364m
Ich wache schon sehr früh auf und wie soll es anders sein, immer noch tut alles weh. Mit der ersten Sonne krieche ich aus dem Zelt und sofort ist Purna bei mir. Er versucht, mich aufzuheitern und hat auch schnell Tee und Frühstück parat. Im Anschluss geht es ab zum BC Doc. Was das Ohr betrifft, sieht es nach einer werdenden Mittelohrentzündung aus. Das Knie kann er nur aufgrund des Schmerzempfindens beurteilen, d.h. das Kreuzband könnte gezehrt, überdehnt, eingerissen oder ab sein und die linke Schulter kann ich nur bis in etwa eine waagrechte Position bringen. Die ist scheinbar auch gezehrt – HURRA SUPER NEWS. Im ersten Moment habe ich mir gedacht, das ist jetzt wirklich genug, ich breche ab. Doch dann geht mir all die Vorbereitungszeit, das Training, die Aconcagua Tour, 2 Monate Nepal, im BC Sitzen und warten, an die 60 Kg Zelte, Schlafsäcke, Essen, Bekleidung und sonstige Ausrüstung, die ich bereits ins Lager II getragen habe, durch den Kopf und es fällt mir wahnsinnig schwer, aufzugeben. Mit einem Stock zum Stützen des Knies schleiche ich durch das Basislager zurück zu meinem Zelt. Ich krieche in meinen Schlafsack und schlafe fast den ganzen Tag. Am Abend esse ich noch einige Kartoffeln und schon liege ich wieder im Schlafsack. Ich beschliesse, mein Ohr mit einer weiteren Packung Antibiotika in den Griff zu kriegen und hoffe dass mein Knie nur leicht angeschlagen ist. Dasselbe gilt für die Schulter. In 2-3 Tage werde ich dann noch einmal zum Lager II aufsteigen. Je nachdem wie sich dieser Aufstieg machen lässt, werde ich dann noch einmal versuchen Lager III und IV einzurichten oder wenn es eben Scheisse läuft, Lager II abzubauen und die Expedition für dieses Jahr abzubrechen. We will see. Gestern war die Motivation wirklich endgültig im Keller, heute habe ich zwar noch nicht richtig gehen können, doch mein Kopf arbeitet schon wieder Richtung Gipfel. Eines ist für mich allerdings klar, wenn es mein körperlicher Zustand nicht mindestens zu 95% Prozent zulässt, weiterzugehen, ist mir meine Gesundheit wichtiger als der Gipfel – ich kann auch wieder kommen. Nach diesen Gedankenspielen oder während diesen Spielen bin ich dann eingeschlafen.

13.05.08 – BC 5364m
Mit den ersten Sonnenstrahlen komme ich aus dem Zelt. Knie und Schulter sind beim Aufstehen nicht wesentlich besser als gestern. Ich bekomme wie immer ein ausgezeichnetes Frühstück von Purna und mache mich dann auf den Weg zu einer BC Runde. Inzwischen ist Richard, der Arzt in der Kari Kobler Gruppe, auch wieder im BC und ich besuche ihn als erstes. Mein Problem hat sich schon herumgesprochen und Gianni und Richard sind schon bei der Suche, um das richtige Antibiotika für mein Ohr parat zu haben. Ich bekomme wieder einmal eine Packung Medikamente für 5 Tage und hoffe das Beste. Soviel Medizin wie auf dieser Expedition habe ich in den letzten 10 Jahren gesamt nicht genommen. Richard und Gianni kommen dann noch zu mir ins Lager und wir verbringen den Vormittag mit taktieren und vor allem jausnen. Am Nachmittag schaue ich dann noch beim neuen Thamserku Lager in meiner Nähe vorbei. Das Lager ist schon seit einer Woche fix eingerichtet, incl. Puja Zeremonie, aber es sind noch keine Teilnehmer da. Ich werde sofort zum Tee eingeladen und wir beginnen zu plaudern. Das Lager ist für Gerlinde, Ralf und noch einem weitern Teilnehmer eingerichtet. Ralf hängt am Makalu fest und Gerlinde und der 3.Teilnehmer sollen morgen mit dem Helikopter nach Lobuche und dann ins BC kommen. Während unseres Gespräches ist auch ein Hochträger im Zelt eingetroffen, der hat soeben Lager II für Gerlinde eingerichtet hat. Soviel zum Thema „ohne Träger, ohne Fixseil und im Alpinstil auf 8000er“. Irgendwie kommt man sich hier vor wie der letzte Idiot, wenn man wirklich und ehrlich versucht, alles selbst und alleine zu machen. Aber was soll’s, jeder geht seinen Weg. Wie so oft brauche ich zwar etwas lange, um etwas zu lernen oder um etwas für mich zu verbessern, aber früher oder später gelingt es mir dann meistens. Auch diese Regeln und Spiele mit Presse und Vortragsgästen werde ich irgendwann verstehen. Am Nachmittag kann ich dann mein Knie schon wieder 90° abbiegen, das stimmt mich sehr zuversichtlich. Des weitern wird heute Lager IV eingerichtet und ich habe gehört, dass sich eine durchgehende Trägerkolonne vom Fusse der Lhotsewand bis zum Südsattel gebildet hat. Auch wird heute ein Hochträger abtransportiert. Er war im BC bereits nicht mehr ansprechbar. Ansonsten gibt es von meiner Seite leider nicht viel Neues. Leichte Besserung am Knie und ich mache auch Übungen für die Schulter. Was das Ohr betrifft, habe ich keine Schmerzen mehr. Das Antibiotikum hilft scheinbar schon. Wieder einmal geht es wie fast immer nach einem guten Abendessen schon sehr früh ab in den Schlafsack.

14.05.08 – BC 5364m
Heute wache ich zum ersten Mal wieder schmerzfrei auf. Das hebt die Motivation. Auch mein Knie ist inzwischen wieder einigermassen gut belastbar, wenn ich vorsichtig bin. Diese News werden sofort telefonisch an Anita vermittelt. Sie traut der Sache nicht wirklich und ist mit meiner Entscheidung, wieder aufzusteigen, nicht wirklich glücklich. Ich solle es nicht herausfordern und ich verstehe ihre Bedenken sehr gut. Natürlich habe ich wieder einmal, wie schon so oft oder wie immer, versprochen, aufzupassen und ich werde das auch tun – jetzt erst recht. Der Wetterbericht von Karl Gabel gibt mir sehr. Falls ich mich wieder ganz erhole, werde ich noch eine sehr reale Gipfelchance haben. Diese will ich, wenn irgendwie möglich, auch nutzen. Meine Schweizer Kollegen sind heute wieder ins BC retour gekommen und waren bereits am Südsattel bzw. am gelben Band. Der Wetterbericht gibt mir zurzeit 2. Gipfelmöglichkeiten, einmal 19. + 20. mit wenig Wind und schönem Wetter und zum 2. 25. +26. zu denselben Bedingungen. Das heisst für mich, der 1. Termin ist nun leider zu kurzfristig. Ich werde versuchen, in den nächsten Tagen – am 16. oder 17. – wieder ins Lager II aufzusteigen, dann weiter zum Lager III, von da aus ein Depot im Lager IV einzurichten und retour ins BC. Ja stimmt, diesen Plan hatte ich schon einmal. Vielleicht geling er ja diese Mal. Morgen werde ich noch einen Ruhetag einlegen und dann bin ich hoffentlich wieder fit genug.

15.05.08 – BC 5364m
Heute habe ich 14 Std. Schlaf hinter mir und wache wieder mehr oder weniger schmerzfrei auf. Das Knie ist einbandagiert, die Schulter bessert sich mit jeder Übung und die Motivation ist wieder voll da. Nach einem gemütlichen Frühstück habe ich noch mit Anita telefoniert und sie ist inzwischen wieder ein bisschen besser auf mich zu sprechen. Ich werde entweder heute Nachmittag (falls es wieder stark bewölkt ist und nicht zu heiss) oder in der kommenden Nacht ins Lager II aufsteigen. Ich melde mich wieder in 4-5 Tagen – schöne Grüsse und bis bald.