Tagebuch ENDE – geschrieben am 19.05 in Kathmandu, Hotel Shangri La

In den letzten Tagen sind wir vom Basislager abgestiegen, haben eine wilde Autofahrt und einen ruhigen Flug von Pokahra nach Kahtmandu hinter uns gebracht und auch einiges über den Verbleib der chinesischen  Kollegen erfahren. Aber der Reihe nach:

Schneefall beim Verlassen des BC

14.05- Basislager Dhaulagiri

Als wir am Vortag unser Lager zusammen räumen, haben wir erfahren, dass einige der Chinesen mit ihren Sherpas im Sturm den Gipfel erreicht haben sollen. An diesem Morgen kamen dann die Sherpas einer anderen Gruppe zu uns und erzählen, dass es Probleme am Berg geben soll. Sie haben über einen Sherpa-Funk Kontakt zu den Sherpas am Berg und vermuten, dass ein chinesischer Bergsteiger beim Abstieg vom Gipfel gestorben ist. 3 Chinesen sollen Erfrierungen haben, ebenso ein Sherpa. Die Bergung durch die vor Ort anwesenden weiteren 7 Sherpas ist im Laufen. Die Gruppe befindet sich irgendwo zwischen Lager 3 und Lager 2 im Abstieg. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich neben der Gruppe rund um diechinesischen Kollegen (7 Bergsteiger und ebenso viele, sehr erfahrene Sherpas) auch noch 5 andere Bergsteiger am Berg (im Lager 1). Bei den schlechten Wetterbedingungen ist eine Rettungsaktion aus dem Basislager nicht möglich. Ausserdem scheinen die erfahrenen Sherpas der Chinesen alles im Griff zu haben. So verlassen wir das Basislager mit dieser ungenauen Information. Wir vermuteten, dass den nicht sehr gut akklimatisierten Chinesen bereits im Aufstieg, aber spätestens im Abstieg, der Sauerstoff ausgegangen war. Von unserem Standort aus war eine Hilfsaktion nicht möglich. Man befindet sich im BC 2 – 3 Tagesmärsche vom Unfallort entfernt. Unser Abstieg vollzieht sich bei Sturm und Schneefall und wir können 3 Tagesetappen an diesem Tag absolvieren und bereits den Dschungel erreichen. Für Stephan, der eine Art Rad mit hatte, war das sicher ein anstrengender Tag. Er darf seinen Roller den ganzen Weg tragen. Immer in der Hoffnung, doch einige Meter fahren zu können.

 

1. Lagerplatz auf dem Weg aus dem BC

15.5.

Auch heute steigen wir wieder 3 Etappen ab. Ein wilder Weg führt durch eine wilde Gegend. Wir sehen den Hubschrauber ins BC fliegen und vermuteen, dass es dort oben möglicherweise ein Problem gibt.

Lagerplatz am 2. Tag des Rückmarsches aus dem BC

16.5.

Dieser Tag ist sicher der anstrengendste des Abstieges. In glühender, für uns ungewohnter Hitze erreichen wir den ersten Ort, von dem eine Strasse in belebtere Gegenden führt – auch eine Telefonverbindung ist hier wieder möglich. Am Morgen haben wir 2 Hubschrauber Richtung BC Dhaulagiri fliegen sehen. Und hier erhalten wir die erschütternde Nachricht, dass 3 chinesische Kollegen am Berg verstorben sind. Sie hatten am 13.5 sehr spät den Gipfel erreicht und mussten im Abstieg ohne Zelt biwakieren. Neben den drei Toten haben fast alle Erfrierungen erlitten. Der Sauerstoff war ihnen ausgegangen. Die Sherpas haben den Rest der Mannschaft den Berg heruntergebracht. Die letzten wurden von einem zufällig in Nepal weilenden Schweizer Hubschrauber Team (s. http://www.kobler-partner.ch/berichte.php?jahr=2010&view=438) kurz oberhalb vom Camp 1 ausgeflogen.

Brücken wie diese mussten wir einige überqueren

17.5und 18.5

Fahrt nach Pokhara – Flug nach Kathmandu

19.5. – Kathmandu

Wir sind noch immer erschüttert. Wir waren mehrmals bei den Chinesen im Basislager und haben die Situation mit Ihnen gemeinsam analysiert. Der Wetterbericht hatte für den geplanten Gipfeltag und die Tage vorher zwar kein sehr gutes, aber auch kein unmögliches Wetter vorhergesagt. Es gab sogar ein Statement der Wetterwarte, dass ab dem 12.5 der Jetstream (Höhenwind) nach Süden, Nordindien ausweichen würde. Da der Wetterbericht auch die Wochen vorher öfter breite Interpretationen zugelassen hat – es ist ja auch nur eine Vorhersage und stimmt daher nicht immer – war es sicher legitim, einen Versuch zu wagen. Leider hat sich im Laufe des Aufstieges das Wetter schlechter entwickelt als erhofft. Wir sind gemeinsam mit den Chinesen am 10. und 11.5 aufgestiegen. Das veränderte Wetter haben wir im Lager 2 in der Nacht vom 11. auf den 12.5 zu spüren bekommen. Während wir die Entscheidung getroffen haben, abzusteigen, haben unsere chinesischen Kollegen die Entscheidung getroffen, mit künstlichem Sauerstoff Richtung Gipfel zu gehen. In dieser Art der Besteigungen waren diese Chinesen erfahren. Sie hatten vor rund einem halben Jahr auch den Manaslu so bestiegen. Daher haben sie sich sicher gute Chancen ausgerechnet. Leider hat sich diese Besteigung zu einem Drama entwickelt. Bei einem hohen Berg wie diesem verschwimmt die Grenze zwischen kalkuliertem Risiko und ……. Wir sindfroh, dass wir nach einer Nacht des Kampfes gegen den Sturm die Entscheidung “Abstieg” getroffen haben. Natürlich wussten wir in diesem Moment, dass für uns die Gipfelchance vorbei war. Aber was macht das schon, wenn man dafür gesund heim kommen kann. Wir trauern um diese Bergsteiger, die sich uns gegenüber immer sehr gastfreundlich, interessiert und korrekt verhalten haben.

Wirwerden in den nächsten Tagen nach Hause fliegen. Von dieser Expedition nehmen wir hauptsächlich das Drama um die chinesischen Bergsteiger als Mahnung für dieZukunft mit. Eine defensive Entscheidungskultur verhindert zwar manchmal den Gipfelsieg, aber kein Berg der Welt ist es Wert, seine Gesundheit über Gebühr zu riskieren.

Bemerkung am Rande: In den letzten Tagen wurden im Zuge einer Säuberungsaktion am Everest ein russischer Bergsteiger und unser gemeinsame Freund, Gianni Goltz (verunglückt 2008 am Everest Südsattel) vom Everest geborgen. Gianni wird voraussichtlich morgen im Zuge einer buddhistischen Zeremonie in Kathmandu feuerbestattet.

Danke an unsere Familien und an all unsere Freunde, die uns die Daumen gehalten haben und.vielenDanke an unsere (Stephan‘s) Sponsoren sowie an Derk von den Netzathleten für die tolle Berichterstattung.

Stephan und Paul / Kathmandu 19.5.2010

 

Weitere Berichte zu finden unter: www.netzathleten.de

 

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